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Irgendwo in Russland – Moskau; {Paris}

 

DELAURIERS WIKIPEDIA-EINTRAG wird ihm nicht gerecht. Andererseits ist das bei vielen Dingen so und Renaire ist sich ziemlich sicher, dass das der Grund ist, weshalb er Menschen umbringt.

Gerechtigkeit und Freiheit und Gleichheit und all diese idealistischen Träume sind Emile Delaurier nie abhandengekommen, so wie es den meisten Menschen geht, wenn ihnen niemand zuhört oder an sie glaubt. Seine Träume hingegen haben sich verwandelt. Bitterkeit hat aus dem brennend heißen Stahl seiner Ideale eine kalte, scharfe Schneide geformt.

Die Gesellschaft sieht in ihm einen Terroristen – einen modernen Extremisten, der keine Regierung anerkennt, die nicht seinen esoterischen Kriterien entspricht –, doch Renaire sieht ihn als das, was er ist. Er ist ein Mann mit Idealen, die ihm mehr bedeuten als sein eigenes Leben, und mit einer Waffensammlung, die er auch einzusetzen weiß.

Gott segne die treue Seele, die die erste Waffe in Delauriers Hände gelegt hat.

Es ist drei Uhr nachts in einer mittelgroßen, russischen Stadt, an deren Namen sich Renaire nicht erinnern kann. Das liegt zum Teil daran, dass er irgendwo zwischen betrunken und verkatert schwebt – einem Zustand, der für ihn wohl als nüchtern gilt. Er weiß, dass Russland Delaurier kürzlich die Laune verdorben hat, darum kam es für ihn kaum überraschend, als sie in einen Zug einstiegen, der sie mitten in dieses riesige Land brachte, nur damit sie dann in einem Leihwagen noch weiter fuhren. Russland allerdings ist eine siebenköpfige Krake, darum ist Irgendeine Russische Stadt alles, womit Renaire dienen kann.

Renaire nimmt einen tiefen Zug von seiner halb aufgerauchten Zigarette und beobachtet den anderen Mann. Weil der ungewöhnlich frühe russische Frühling kalt ist, atmet Delaurier eine ähnliche Wolke aus wie Renaire mit seiner Zigarette. Delaurier packt. Er verstaut Messer und Knarren und Drähte und Zangen in den geheimen Taschen seines roten Mantels. Er sieht noch fanatischer aus als gewöhnlich und hält sich nicht einmal mit Handschuhen auf. Scheint so, als würden sie heute für Die Sache töten.

„Wir töten sie nur?“, fragt Renaire und gibt seiner Zigarette schließlich einen kleinen Stoß, sodass Asche durch die kalte Luft fliegt. „Oder ist das einer deiner Pläne, bei dem wir ,eine Nachricht überbringen╩╗?“ Die machen Spaß. Manchmal zumindest. Hängt von der Nachricht ab.

„Diesmal ist das meine Show“, sagt Delaurier. Verdammt noch mal, was für ein unsinniger Satz, aber Renaire hat keine Einwände. „Bleib einfach hinter mir.“

Renaire kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Delauriers Wangen röten sich leicht – wie niedlich – und dann legt er die Stirn in Falten. Er ist der wohl gewalttätigste und hinreißendste Mensch der Welt und wenn er Renaire so eine Steilvorlage liefert, muss er wohl mindestens so übermüdet sein wie Renaire selbst.

„Du weißt schon, was ich meine“, sagt Delaurier und schließt den Waffenkoffer (auch bekannt als „der Aktenkoffer mit den Knarren“, doch Delaurier mag es dramatisch) mit einem lauten Knall. Er legt den Koffer zurück in den Leihwagen, also müssen sie wohl nicht überraschend untertauchen. Wenn sie mit dem Mord eine Nachricht überbringen wollen, dann offensichtlich unter dem Radar, bis die offiziellen Stellen davon erfahren. Vermutlich wird Delaurier sie in ein paar Stunden anrufen und eine seiner Ansprachen voller rechtschaffener Wut zum Besten geben. Er schraubt den Schalldämpfer mit einer Leichtigkeit auf seine Lieblingspistole, die man nur durch jahrelange Übung erreicht. „Wahrscheinlich gibt es keine Sicherheitsleute.“

„Wahrscheinlich?“, wiederholt Renaire, zu überrascht, als dass er Einwände erheben könnte. Normalerweise hat Delaurier alles vom Bauplan des Gebäudes bis zum zweiten Vornamen des Wachmanns im Kopf. Renaire nimmt noch einen Zug von seiner Zigarette, während er versucht zu verstehen, was zum Teufel hier vor sich geht. „Bringst du jetzt Leute um, weil du einen kleinen Wutausbruch hast?“

Ganz offensichtlich möchte Delaurier etwas Schneidendes erwidern, doch er hält sich im letzten Moment zurück und steckt sich die Pistole in die Tasche seines Mantels, die er am einfachsten erreichen kann. „Sie müssen vor Sonnenaufgang tot sein“, sagt er nur.

Also ein Job mit einem Verfallsdatum. Wenn Delaurier nicht telefonisch bei Glasson um Infos gebeten hat, muss es wohl was Persönliches sein. Wenn Delaurier will, dass Renaire sich raushält, muss es noch persönlicher sein. Renaire ist zwar nicht gerade Delauriers Busenfreund, doch er weiß zumindest, dass er nie etwas ausplaudern würde.

Renaire nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette, bläst den Rauch in die Nachtluft hinaus und lässt die Kippe in den Schnee fallen. „Ich gebe dir Rückendeckung“, sagt er und zieht sich seine schwarzen Lederhandschuhe über.

Das Gebäude sieht genauso aus, wie man sich einen Betonwohnsilo aus den letzten Jahren der Sowjetära gemeinhin vorstellt. Niemand hält sie auf, als sie eintreten. Delaurier hält leichten Schrittes auf den Fahrstuhl zu, der sich mit einem leisen Pling sofort für sie öffnet, als sie auf den Knopf drücken. Der fünfte Stock sieht viel ansehnlicher aus als die Eingangshalle und Renaire bemerkt die makellose Auslegeware, die vermutlich noch viel besser aussieht, wenn sie erst einmal blutbespritzt ist. Es ist ohnehin besser, auf Teppich zu töten – auf Parkett rutscht man viel zu leicht aus.

Delaurier muss sich tatsächlich an der Tafel orientieren, die die Wohnungsnummern und Mieter auflistet – das ist bisher noch nie vorgekommen. Die kyrillischen Buchstaben sind kein Problem für ihn, darum braucht er nicht lange, um sich zu orientieren. Und dann gehen sie einen Flur entlang und dann noch einen anderen Flur und schließlich stehen sie vor einer Tür, die genauso aussieht wie alle anderen Türen in diesem Haus. Er zögert, doch dann sieht er Renaire an und formt mit den Lippen die lautlose Aufforderung: Knack das Schloss.

Renaire zuckt mit den Schultern und beschließt, erst mal die einfachste Variante zu versuchen. Also drückt er die Klinke nach unten. Manche Leute sind ja tatsächlich blöd genug, ihre Wohnungstür unverschlossen zu lassen. Diesmal hat er jedoch kein Glück. Er kramt einen Schlagschlüssel und eines seiner langen Messer hervor, rammt den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn herum und gibt dem Schlüssel einen finalen Hammerschlag mit dem Messergriff. Das geht zwar schnell, ist aber lauter, als ihm lieb ist – ein dumpfes Klonk, das die mitternächtliche Stille und das Brummen des Heizungssystems durchbricht. Delaurier schiebt ihn vorsichtig beiseite, sodass er als erster die Wohnung betreten kann. Renaire hat schon vor langer Zeit aufgegeben, zu versuchen, als erster durch eine Tür zu gehen, darum macht er einfach Platz und sieht zu, dass er eine ausreichend gute Sicht auf das Innere der Wohnung hat.

Die Tür schwingt lautlos auf und in dem dahinter liegenden Zimmer befindet sich nichts, was man nicht erwarten würde – Couch, Fernseher, Küche, gerahmte Artikel und verblichene Landschaftsaufnahmen an den Wänden. Ungehindert betreten sie die Wohnung und Renaire fragt sich, hinter was für einer Person sie eigentlich her sind, die keinerlei Security beschäftigt. Während Delaurier die gegenüberliegenden Türen untersucht, um herauszufinden, hinter welcher sich sein Ziel verbirgt, lehnt Renaire die Wohnungstür an, sodass sie eine schnelle Fluchtroute haben, ohne dass es von außen so aussieht, als wäre eingebrochen worden.

Delaurier öffnet schließlich eine Tür, die sich als Schrank entpuppt. Renaire versucht nicht einmal, sich das Lachen zu verkneifen. Delaurier zeigt ihm den Mittelfinger und widmet sich dann einer anderen Tür, die zum Schlafzimmer führt. Er betritt den Raum gewohnt selbstsicher.

Und dann schließt er die Tür hinter sich.

Renaire rollt die Augen und will die Tür öffnen, um Delaurier ins Zimmer zu folgen – doch sie ist verschlossen. Also wirklich, er hatte gedacht, dass sie das nach den ersten Monaten ihrer Zusammenarbeit hinter sich gelassen hätten. Renaire knirscht mit den Zähnen und wirft der Tür einen genervten Blick zu. Natürlich weiß Delaurier, dass er nur den einen Schlagschlüssel dabei hat. Also gut, bitte schön, wenn Delaurier das hier auf seine Weise erledigen will, dann wird das eben so gemacht. Renaire lässt sich in einen der Küchenstühle fallen und wünscht sich, dass er seinen Flachmann dabei hätte.

Als Delaurier endlich aus dem Schlafzimmer kommt, hat er einen Laptop und einen Aktenordner dabei. Er trägt einen Blick zur Schau, als würde er gleich in ein brennendes Gebäude laufen. Er sieht Renaire mit fiebrigem Blick und weit aufgerissenen Augen an, als könnte selbst der Tod ihn nicht davon abhalten, seine Pflicht zu tun. Das ist wirklich kein gutes Zeichen.

„Wir sind hier fertig“, sagt er nur und hält auf die Wohnungstür zu. Renaire folgt ihm, ohne auch nur einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen. Das Gebäude zu verlassen, ist genauso einfach, wie es zu betreten, und es dauert keine Minute, bis sie wieder in ihrem Leihwagen sitzen.

Delaurier drückt eine zitternde Hand gegen das kühle Metall auf der Fahrerseite und Renaire legt ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Dass Delaurier die Hand weder abschüttelt noch einen bissigen Kommentar abgibt, ist ein weiteres schlechtes Zeichen.

Delaurier bringt nicht gern Menschen um. Er ist zwar gut darin und mag die Tatsache, dass er damit Dinge bewirken kann. Aber den Tod an sich mag er nicht. Er zögert nie und schreckt auch nie vor der Aufgabe zurück. Er stürzt sich sehenden Auges und mit stahlharter Überzeugung in seine Aktionen. Er glaubt daran. Glaubt, dass es getan werden muss. Deshalb muss es ihm noch lange nicht gefallen. Er bereut es nicht, aber nie würde er Gefallen daran finden.

Das ist einer der Gründe, warum Renaire ihm ständig wie ein Schatten folgt, denn Renaire ist es tatsächlich scheißegal. Manchmal versucht er, etwas zu empfinden, doch das hält nie wirklich an.

„Ich fahre“, sagt Renaire. Es macht keinen Sinn, Delaurier jetzt irgendeine Reaktion entlocken zu wollen. Manchmal kann er regelrecht explodieren und das können sie jetzt wirklich nicht gebrauchen.

„Bist du nüchtern?“, fragt Delaurier, ohne einen Ansatz von Ärger oder Ekel in der Stimme. Ein wirklich schlechtes, schlechtes Zeichen.

„Größtenteils“, antwortet Renaire. Er hält sich nicht damit auf, weiter zu diskutieren, sondern fischt einfach mit der freien Hand die Autoschlüssel aus Delauriers Manteltasche. „Los, auf den Beifahrersitz.“

In einem überraschenden Rollentausch gehorcht Delaurier ganz einfach. Renaire steigt ein, lässt den Motor an und erkennt dann, dass Delaurier anfängt, wieder normal auszusehen. Er klammert sich an den Laptop und den Aktenordner, als wolle er sie mit bloßen Händen zu Staub zermalmen. „Ich sag dir, wo wir hinmüssen“, sagt er, ohne Renaire anzusehen. Für Renaire geht das in Ordnung. Das tut es immer.

 

 

WAS RUSSLAND angeht, so wurde die Sache kurz vor sechs Uhr morgens publik: Eine Journalistin, ermordet in ihrem eigenen Bett. Aufgrund von Videoüberwachung und DNA-Spuren ist sofort klar, dass es Delaurier war, und die Unterstützer der STB diskutieren bereits nervös darüber, warum ihr furchtloser Anführer eine so neutrale Person ausschaltet.

Die Presse spielt völlig verrückt, weil es jemanden aus den eigenen Reihen erwischt hat. Währenddessen hofft Renaire einfach nur darauf, dass Delaurier endlich mit ihm spricht. Sie streiten sich noch nicht einmal. Was zum Henker soll er in diesem verdammten Zug mit sich anfangen, wenn Delaurier nicht einmal bereit ist, mit ihm zu streiten? Schlafen kann er nicht, denn Delaurier schläft gerade. Bewusstlos wäre wohl eine treffendere Bezeichnung für die Art, wie er in seinem Sitz zusammengesunken ist, doch Renaire nimmt einfach mal, was er kriegen kann.

Er telefoniert mit Glasson, der voll im Bilde ist. Er ist die Nachrichtenzentrale der STB – ihrer geheimen Organisation, die es auf Gerechtigkeit abgesehen hat. Renaire hat keine Ahnung, wofür die Abkürzung eigentlich steht, darum bildet er sich ein, dass T das Kürzel für Terrorist ist. Das Triumvirat bestehend aus Delaurier, Glasson und Carope hat die Gruppe ursprünglich als etwas Positives und Optimistisches gegründet, doch im Laufe der Zeit hat sie die Ineffektivität ihrer Aktionen immer mehr frustriert und so wurde die STB langsam aber sicher zu der Gruppe engagierter Idealisten, die sie heute ist.

Einerseits sind sie wie eine Familie. Sie akzeptieren und unterstützen einander – und das gilt sogar für Renaire. Andererseits sind sie Furcht einflößend, denn die STB gewinnt langsam aber sicher an Einfluss, und zwar auf die schlimmstmögliche Art und Weise.

Bei Glasson laufen die Fäden aller STB-Aktionen zusammen. Er ist die freundliche, fette Spinne, die in der Mitte ihres Netzes aus Verbrechen sitzt. Er ist der eigentliche Nährboden für Delauriers verrückte Zukunftsvision. Wann immer Delaurier nach vorn stürmt, hat Glasson vorher das Terrain sondiert, um sichergehen zu können, dass Delaurier nicht auf die Nase fällt und sich das Genick bricht.

„Selbst ich kann ihn nicht ertragen, wenn er in dieser Stimmung ist“, sagt Renaire. Das ist zwar eine Lüge, aber es fühlt sich zumindest gut an, diesen Satz zu sagen.

„Dein Opfer wird nicht vergessen sein“, sagt Glasson und im Hintergrund ist ein Rascheln zu hören. „Hast du eine Ahnung, warum er es getan hat?“

Renaire seufzt und lässt sich tiefer in seinen Sitz sinken. „Ich kann nur spekulieren. Das war eine schnelle und unorganisierte Aktion. Er kannte nicht einmal den Grundriss. Er hat sich im Schlafzimmer eingeschlossen und ist dann mit einem Aktenordner und einem Laptop wieder aufgetaucht.“

Mittlerweile fällt es ihm leicht, Gespräche zu führen und dabei so vage wie möglich zu bleiben. Anfangs fand er das problematisch, doch jetzt kommt er nur noch in Schwierigkeiten, wenn er mit Menschen außerhalb seines Jobs sprechen muss. Dieser Anruf allerdings ist wichtig, denn normalerweise macht er sich kaum Sorgen. Ihm ist schlicht kaum etwas wichtig genug, um sich Sorgen zu machen.

„Konntest du einen Blick drauf erhaschen?“

„Im Moment sitzt er drauf. Scheinbar gibt beides ein bequemes Ruhekissen ab“, sagt Renaire und wirft dabei dem schlafenden Mann gegenüber einen Blick zu. Er sieht aus wie ein Engel. Allerdings einer, der schlank und ernst und ziemlich böse darüber geworden ist, dass er ein gefallener Engel ist. Delaurier möchte den Himmel zurückhaben und zwar für die ganze verdammte Welt. Und er ist bereit, mit Mistgabeln und Fackeln das Himmelstor zu stürmen.

Glasson scheint weder amüsiert noch frustriert, dass Renaire mit so wenigen Informationen dienen kann. Er schweigt eine Weile, bevor er das Wort ergreift. „Das gefällt mir nicht.“

Renaire zögert und spricht dann doch aus, was ihm auf der Zunge liegt. „Was auch immer vor sich geht, es ist was Persönliches. Es ging ihm nicht besonders gut, als wir los sind.“ Er wirft einen Blick auf Delauriers blasses Gesicht. „Es geht ihm immer noch nicht gut.“

„Sorg dafür, dass er am Leben bleibt und bring ihn nach Hause. Wir bleiben in Kontakt.“ Mit diesen Worten beendet Glasson das Gespräch.

Das war ohnehin der Plan, doch es beruhigt ihn zu wissen, dass in Paris kein Erschießungskommando auf sie wartet. Journalisten dagegen vielleicht schon. Er weiß, warum Delaurier nie eine Maske trägt und nichts unternimmt, um seine Identität zu verschleiern, wenn er für Die Sache unterwegs ist. Trotzdem treibt es Renaire in den Wahnsinn, sich mit denen herumschlagen zu müssen, die das Pech haben, die STB ausfindig zu machen. Der Rest der Truppe kann sich ohne Probleme frei bewegen, aber Delaurier muss ja unbedingt ein Symbol sein.

Das ist eines dieser Dinge, für die Renaire Delaurier am liebsten eine reinhauen würde. Dieses Bedürfnis verspürt er im übrigen in letzter Zeit ziemlich häufig. Wenigstens besitzt Renaire genug gesunden Menschenverstand, den Kopf einzuziehen. Zumindest in der Regel – so ziemlich jeder weiß, dass Delaurier einen Sidekick hat. Wer dieser Sidekick ist und warum er in Delauriers Schatten Morde begeht, ist hingegen kaum bekannt.

Vier Stunden später wacht Delaurier auf. Als er aus dem Schlaf hochschreckt, umklammert er die Armlehnen so fest, dass das Plastik quietscht und seine Fingerknöchel weiß werden. Er atmet hörbar ein, blinzelt ein paar Mal und sieht dann Renaire an. Er sieht so verwirrt aus, dass es Renaire fast peinlich ist.

„Du solltest etwas schlafen“, sagt Delaurier.

Renaire lässt sich davon nicht beeindrucken. „Das ist alles?“

Delaurier runzelt die Stirn. „Was meinst du?“

„Kein Dankeschön? Keine Frage danach, wohin wir eigentlich fahren? Keine Erklärung?“, fragt Renaire. „Es wäre wirklich Zeit für eine Erklärung. Wenn ich mir etwas aussuchen dürfte, dann wäre es das.“

„Du bekommst keine Erklärung, weil du keine brauchst“, behauptet Delaurier.

Renaire lässt sich nicht so leicht abspeisen. „Du behauptest doch immer, ich hätte das logische Verständnis eines Einzellers. Da ist es umso unerlässlicher, dass du mir ein paar Dinge erklärst.“

„Nur hast du gerade bewiesen, dass du durchaus logisches Verständnis hast“, erwidert Delaurier entnervt. „Du hast gerade dein eigenes Argument dargelegt und damit widerlegt.“

„Was nur ein Dummkopf tun würde, und das beweist ganz nebenbei, dass ich einfältiger Mensch von einer Erklärung profitieren würde“, sagt Renaire. „Also hör endlich auf, mich hinzuhalten und erkläre mir endlich, was zum Teufel hier vor sich geht.“

„Es gab eine Bedrohung. Ich habe diese Bedrohung ausgeschaltet.“

Beim Anblick von Delauriers starrköpfigem Gesichtsausdruck möchte sich Renaire am liebsten die Haare raufen. Nachdem er die Journalistin getötet hatte, hat er wie Espenlaub gezittert, doch in seinem Gesicht findet sich keine Spur von Bedauern. Sie haben lauthals schreiende Politiker und bettelnde Geschäftsführer getötet. Dazu kommen noch die unzähligen Kollateralschäden und die Aktionen vom Rest der Organisation. Renaire hat Albträume davon, eines Tages Bedauern auf Delauriers Gesicht entdecken zu müssen. Diese Sache hier hat ihn zwar mitgenommen, doch von Renaires Albtraum ist das meilenweit entfernt.

„Mehr wirst du mir nicht erzählen?“, fragt Renaire, denn wenn es um Delaurier geht, ist seine Geduld endlos. Ziemlich erbärmlich.

„Schlaf ein bisschen“, sagt Delaurier. „Wenn wir in Moskau ankommen, musst du auf dem Posten sein.“

Renaire fragt nicht nach, was in Moskau auf sie wartet. Die Art ihrer Zusammenarbeit ist dergestalt, dass Delaurier die Entscheidungen trifft und Renaire auswählen kann, ob er mitmacht oder eben nicht. Soweit Renaire sich erinnern kann, hat er zwei Mal nein gesagt. Vielleicht auch drei Mal. Es ist schließlich nicht so, als hätte Renaire irgendetwas anderes vor. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen und schläft sofort ein.