Lady Vespia, Gesandte von Medelina

 

 

 

 

1. Bittere Wahrheit

 

 

ES WAR der dritte Tag nach ihrer Abreise aus Ummana. Canubis hatte die erste Wache übernommen, begierig darauf, etwas Zeit für sich zu haben allein in der Dunkelheit, wo nichts seine Gedanken ablenkte. Er war sich noch immer nicht sicher, ob er über den diesjährigen, ungewöhnlichen Feldzug erfreut sein oder ihn als Reinfall abtun sollte. Ihre ursprüngliche Mission war zweifellos ein Erfolg gewesen. Sie hatten sich nicht nur an den Gefolgsleuten der Guten Mutter in Medelina gerächt, sie hatten auch dafür gesorgt, dass das Leben derer, die die alte Hexe im Einflussbereich der Allianz verehrten, von jetzt an um einiges unangenehmer werden würde. Das alles hatten sie dem Herzen seines Bruders zu verdanken, und da begannen die Probleme.

Canubis mochte Casto, nicht nur, weil er Renaldos fehlender Teil war, sondern auch wegen seiner sturen und unnachgiebigen Persönlichkeit. Wenn man seine Abwehrmechanismen einmal überwunden hatte, konnte man den jungen Mann leicht gernhaben. Er war auch ein König, der auf beeindruckende Weise gezeigt hatte, wozu er jederzeit fähig war. Canubis fühlte sich nicht bedroht; seine eigene Dominanz war dafür zu absolut. Sie lag schließlich in seiner Natur, genauso wie Renaldos Natur das Feuer war, wild und ungezähmt. Er machte sich jedoch Sorgen. Es war schwer, Casto zu lesen und Canubis war sich immer noch nicht ganz sicher, ob er sich so auf den kapriziösen Blondschopf verlassen konnte, wie er es musste.

Dann war da noch der ganze Ärger mit Noran. Der Kriegswolf hatte die Affäre, die Renaldo mit dem Meisterschmied anfing, kurz nachdem er sich ihnen angeschlossen hatte, stumm beobachtet. Da er selbst vor Noemi selten nein zu jemandem gesagt hatte, hatte er kein Recht, sich einzumischen. Als Noran Arja gewählt hatte, hatte Canubis sich immer noch zurückgehalten. Aus seiner Sicht hatte es sich um einen kleinen Zwischenfall mit wenig bis gar keiner Bedeutung gehandelt. Da hatte er sich gründlich getäuscht. Jetzt musste er sich um einen Emeris kümmern, der so von Schuld gebeutelt war, dass er kaum noch seinen Pflichten nachkommen konnte. Canubis fragte sich, ob er sich mit Noran unterhalten sollte. Andererseits schien Hulda die Sache in die Hand genommen zu haben. Ihr ins Handwerk zu pfuschen, war nicht weise, um es milde auszudrücken. Zudem machte es sein Leben leichter, wenn er ihr die Angelegenheit überließ.

Ihr Neuzugang, der Dämon namens Sar‘reff, war ein weiteres Problem, von dem er noch nicht wusste, wie er damit umgehen würde. Sein plötzliches Erscheinen hatte zumindest ein wenig Licht in die Natur von Lys gebracht und bisher war das das Beste, was er über ihn sagen konnte. Canubis war nicht allzu begeistert, zwei fremde Kreaturen im Rudel zu haben, die sich seiner Macht nicht beugten. In Bezug auf Lysistratos konnte er nichts unternehmen, da dieser unlösbar mit Casto verbunden war, aber Sar‘reff stand auf einem anderen Blatt. Noemi fand, dass es gut war, ihn hier zu haben, eine Meinung, die ihr Ehemann nicht teilte. Wenn es hart auf hart kam, würde Lys sich immer auf die Seite von Casto stellen und der war unberechenbar. Höchstwahrscheinlich würde Sar‘reff dem Beispiel des Hengstes folgen, da er seinen Anker noch nicht gefunden hatte. Und es wahrscheinlich auch nie würde – ihn von seinem Leiden zu erlösen, könnte sogar ein Akt der Gnade sein, genau wie Renaldo es vorgeschlagen hatte.

Den Luksari zu verlieren, war ein harter Schlag gewesen. Unter den Umständen mussten sie dankbar sein, dass sie ihre Schuld gegenüber dem jungen Mann beinahe ungeschoren hatten sühnen können, dennoch hinterließ die ganze Sache einen bitteren Nachgeschmack. Natürlich war es schwer, einen Luksari zu erkennen – nicht einmal Ana-Aruna schaffte das immer – und dann war da auch noch der verdammte Zauber gewesen. Aber dennoch. Er und Renaldo hatten nicht nur nicht erkannt was Sic war, sie hatten ihn auch ihrem Zorn ausgesetzt und Noran überlassen. Das war der schlimmste Fehler, den Canubis in all seinen Jahren als Anführer je gemacht hatte. Und ausgerechnet jetzt, wo sie so kurz davorstanden, endlich alle Emeris zu finden. Es war ärgerlich. Und dumm. Wenn nur –

Einer der Wölfe, der zu seinen Füßen lag, hob den Kopf. Ein einzelner Reiter näherte sich. Der Kriegswolf zog sein Schwert, seine Augen durchbohrten die Dunkelheit.

„Wer auch immer du bist, komm heraus und zeig dich oder ich werde dich töten.“

Im Gebüsch erklang ein Rascheln und dann antwortete eine dünne, vertraute Stimme:

„Bitte tut das nicht, Herr. Ich bin es, Sic.“

Der Schmied erschien aus den Schatten, führte ein unglücklich aussehendes Pferd auf den Kriegsherrn zu.

„Es tut mir leid, ich wollte mich nicht anschleichen, aber diese hier ist nicht an die Wölfe gewöhnt und ein wenig nervös.“

Canubis bedeutete den Raubtieren, sie allein zu lassen und ihre Posten ein wenig weiter vom Lager entfernt einzunehmen. Sobald die Wölfe fort waren, beruhigte die Stute sich genug, dass Sic näherkommen konnte.

„Danke, Herr.“

„Sic, was führt dich hierher? Ich bin hocherfreut, dich zu sehen, aber um ehrlich zu sein habe ich nicht erwartet, dich je wieder zu treffen.“

Der junge Mann wich seinem Blick aus.

„Können wir ins Lager gehen? Das sollte ich Euch besser zeigen.“

Canubis runzelte die Stirn, folgte dem Schmied aber zurück ans Feuer in der Mitte des Lagers. Er konnte spüren, dass an dem jungen Mann etwas seltsam war, wahrscheinlich das Erwachen seiner Luksari-Natur. Renaldo wartete am Feuer auf sie. Er hatte die Überraschung seines Bruders gespürt und war neugierig auf den Grund. Als er Sic erblickte, weiteten sich seine Augen.

„Sic! Was machst du hier?“

Der Luksari trat ins Licht, die Augen scheu zu Boden gerichtet.

„Es sind ein paar Dinge geschehen und jetzt möchte ich Eure Erlaubnis erbitten, mit Euch ins Tal zurückzukehren.“

„Etwas Schlimmes? Du siehst nicht sehr glücklich aus.“

Begeistert von der Aussicht, Sic zurückzubekommen, musste Canubis sich konzentrieren, um seine Freude nicht zu zeigen. Der Schmied sah so niedergeschlagen aus, dass der Grund für seine Rückkehr etwas Ernstes sein musste.

„Nachdem Ihr fort wart, hat Ana-Isara mir einen Besuch abgestattet. Sie hat mich geküsst.“

Erstaunte Stille folgte diesen Worten. Dann eilte Canubis nach vorne.

„Zeig es mir.“

Gehorsam zog Sic seinen Reitumhang aus und öffnete seine Tunika. Die Kriegsherren starrten auf die schwarzen Runen, die auf der unversehrten Haut blühten und wollten ihren eigenen Augen nicht trauen. Hier stand der letzte Emeris, der, auf den sie so lange gewartet hatten – es war zu gut, um wahr zu sein. Renaldo streckte die Hand aus, um die Zeichen mit einem Ausdruck reiner Bewunderung auf seinem königlichen Gesicht zu berühren.

„Das ist so unglaublich. Und so perfekt.“ Er umarmte den Schmied sachte. „Willkommen in der Familie, Bruder. Es ist gut, dich endlich hier zu haben.“

„Mein Bruder hat recht – ich bin froh, dass wir jetzt komplett sind. Willkommen, Lord Sic.“

Diese seltsam formalen Worte ließen Sic erkennen, wie drastisch und vollkommen sein Leben sich verändert hatte. Mit einem Mal fühlte er sich erschöpft.

„Ich bin sehr müde, Herr. Darf ich mich zur Ruhe legen?“

„Natürlich. Das muss schwierig für dich gewesen sein.“

Canubis klopfte ihm auf die Schulter. „Geh und schlaf dich aus. Wir können morgen reden.“

„Casto wird begeistert sein. Ich kann es nicht erwarten, sein Gesicht zu sehen.“ Renaldo strahlte fröhliche Erregung aus, was bewirkte, dass Sic sich noch schlechter fühlte als zuvor. Andererseits war Casto zu sehen das einzige, auf das er sich tatsächlich freute. Er wollte sich zum Schlafen legen und zögerte. Auf ihrer Reise nach Ummana waren die Dinge schmerzhaft, aber klar gewesen. Er hatte den anderen Sklaven dabei geholfen, das Lager zu errichten, hatte Noran als sein persönliches Spielzeug gedient und dann auf dem Boden im Zelt des Meisterschmiedes geschlafen. Das war kein Ort, den er gerade im Moment aufsuchen wollte, darum ging er in Richtung des Platzes, wo die gewöhnlichen Sklaven schliefen. Eine schwere Hand auf seiner Schulter hielt ihn auf.

„Was denkst du, tust du?“ Renaldo klang angespannt.

„Ich wollte mich hinlegen. Aber wenn Ihr etwas von mir braucht, Herr …“

„Nein! Du musst überhaupt nichts tun. Und du wirst ganz sicher nicht bei den Sklaven schlafen. Komm mit mir. Du kannst meinen Platz haben.“

Sic stand kurz davor, in Panik auszubrechen. Dass der hochmütige Todesengel ihn wie einen geschätzten Freund behandelte, war zu viel nach all dem Druck, den er ertragen hatte. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, aber Renaldo zog ihn bereits in Richtung seines Zeltes. Er schob den sich wehrenden Schmied hinein und drückte dabei einen Finger auf Sics Lippen.

„Psst. Casto schläft bereits, darum versuch, nicht zu viel Lärm zu machen. Meine Felle liegen gleich neben ihm. Jetzt zieh deine Stiefel aus und ruh dich aus. Wir reden morgen über alles.“

Seufzend gehorchte Sic den Befehlen seines Gottes, zu müde, um sich mit der leeren Luft zu streiten, denn Renaldo war bereits fort. Casto schlief tief und fest, seine weichen, blonden Haare umrahmten sein Gesicht wie ein Heiligenschein. Er sah im Schlaf sehr jung und verletzlich aus, überhaupt nicht wie der sture, arrogante und leicht erregbare Mann, den Sic seinen Freund nannte. Wenn es um schwere Zeiten ging, hatten sie beide mehr als ihren Teil durchgemacht. Wieder bei Casto zu sein, war das einzig Gute, das er aus seinem Handel mit Ana-Isara bekommen hatte. Er fürchtete sich noch immer vor ihren Söhnen und ihm graute davor, sich wieder mit Noran auseinandersetzen zu müssen. Es war zu verwirrend, zu schmerzlich. Wenn er immer noch ein normaler Mensch gewesen wäre, hätte er dem Meisterschmied irgendwie aus dem Weg gehen können, aber jetzt, wo er ebenfalls ein Emeris war, konnte er ihn unmöglich weiter ignorieren. Sic würde sich seinen Problemen mit seinem früheren Herrn stellen müssen, je früher, desto besser. Der Gedanke allein jagte ihm schreckliche Angst ein.

Im Moment konnte er ohnehin nichts tun, darum zog er seine Kleidung aus, machte es sich auf den Fellen bequem und schlief, bevor ihm die samtige Weichheit seiner Decke überhaupt auffiel.

 

 

AM NÄCHSTEN Morgen wachte Sic abrupt auf. Casto hatte sich wie ein hungriger Geier über ihn gebeugt, sein Gesicht nur eine Hand von der Nase des Schmieds entfernt.

„Du bist also endlich wach. Ich hatte schon gedacht, du würdest den ganzen Tag schlafen. Warum hast du mich nicht aufgeweckt, als du hierhergekommen bist?“

Sic lächelte schwach. Wieder mit seinem Freund sprechen zu können, ließ sein Innerstes kribbeln.

„Weil ein gewisser Gott, der die Möglichkeit hat, mir das Leben unaussprechlich schwer zu machen, mir gesagt hat, dass ich dich schlafen lassen soll.“

„Warum solltest du auf ihn hören? Er ist wie eine Glucke, darum solltest du ihn einfach ignorieren.“

„Das kann ich nicht tun, wie du sehr wohl weißt. Ich habe nicht deinen Mut.“

„Ich bin auch nicht so tapfer, nur unglaublich genervt. Er ist wirklich anstrengend. Jetzt zurück zu unserem gegenwärtigen Problem. Warum bist du hier? Versteh mich nicht falsch, ich bin begeistert, aber ich erinnere mich an deine Gründe, warum du in Ummana bleiben wolltest und sie waren schwerwiegend. Was also hat deine Meinung geändert?“

Sics Gesicht verdunkelte sich.

„Nicht was. Wer. Ich habe einen Besuch von der Herrin der Toten bekommen. Es scheint so, als würden wir für eine ganze Weile zusammenbleiben.“ Es dauerte ein paar Augenblicke, bis die Worte einsanken und als sie es endlich taten, war Castos Gesicht eine Studie an Widersprüchen. Verschiedene Emotionen flackerten über sein Gesicht, darunter Freude, Mitleid, Bedauern und Furcht. Es rührte Sic tief, zu sehen, wie vollkommen sein Freund ihn verstand und wie er mit ihm fühlte. Endlich umarmte der König den Schmied, seine Stimme war ein harsches Flüstern.

„Ich kann nicht sagen, dass es mir leidtut. Ich weiß, wie schwer es für dich sein muss. Aber ich kann einfach nicht sagen, dass es mir leidtut. Dafür bin ich zu froh.“

„Ich weiß. Und du bist der Einzige, der das sagen darf.“

Sie genossen immer noch diesen intimen Moment, als Renaldo hereinplatzte. Sic konnte sich nicht daran erinnern, den Gott vor Freude je so aufgeregt gesehen zu haben.

„Worauf wartet ihr beide denn noch? Es sind eine Menge Leute da draußen, die den neuen Emeris im Rudel willkommen heißen wollen. Also los. Kommt auf die Füße.“

„Langsam, Barbar. Sic ist gerade erst aufgewacht. Er hat noch nicht einmal gefrühstückt.“

„Er kann später essen. Jetzt kommt!“

Renaldo packte Sic an der Hand und zerrte ihn ins Morgenlicht, wie ein ungeduldiges Kleinkind es mit seiner Mutter tun würde. Vor dem Zelt waren sie alle versammelt. Ganz vorne standen Noemi und die Emeris – Hulda, Wolfstan, Kalad, Aegid und Noran, obwohl der Meisterschmied ein wenig zurückblieb, als die anderen sich ihrem neuen Bruder näherten. Hinter ihnen kamen die Krieger und dann die Sklaven. Sie alle wollten den letzten Emeris begrüßen oder doch zumindest einen Blick auf ihn erhaschen. Sic wurde unter einer Lawine aus Umarmungen, Küssen und Glückwünschen begraben. Es war Canubis, der ihn schließlich rettete.

„Es reicht! Sic hat einiges durchgemacht und wir müssen immer noch nach Hause zurück, bevor die Winterstürme einsetzen. Während er also frühstückt, wäre es nett, wenn der Rest von euch das Lager abbaut und unsere Abreise vorbereitet.“

 

 

DIE REISE zurück ins Tal verlief friedlich. Kein Räuber war verrückt genug, den schwer bewaffneten Tross der göttlichen Brüder anzugreifen. Sic verbrachte einen Großteil seiner Zeit mit Hulda, die ihn mit den Regeln vertraut machte, die von jetzt an sein Leben als Emeris bestimmen würden. Wenn er nicht bei der schönen Killerin war, ritt er neben Casto. Die meiste Zeit über schwiegen sie, genossen einfach die Gesellschaft des anderen. Sie brauchten keine Worte, um einander zu verstehen. An den Abenden, während die Sklaven das Lager errichteten, nahm der Todesengel Sic zur Seite und brachte ihm die Grundlagen des Kämpfens bei. Manchmal gesellten sich Aegid und Kalad zu ihm und stellten sich als Partner zur Verfügung. Renaldo war mit Sics Fortschritten zufrieden.

„Du lernst schnell, Sic. Und du hast auch Talent. Schon bald wirst du in der Lage sein, dich in jedem Kampf zu behaupten – außer natürlich gegen mich.“

Sic verneigte sich bescheiden bei diesem Lob.

„Ihr seid sehr großzügig, mein Herr.“

Renaldo legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes.

„Du weißt, dass du mich nicht mehr ‚Herr‘ nennen musst? Zumindest nicht die ganze Zeit.“

„Ja, aber ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen. Vor nicht allzu langer Zeit war ich weniger wert als der Staub unter euren Füßen. Mein plötzlicher Aufstieg verwirrt mich immer noch.“

Der mächtige Krieger lachte laut.

„Da bist du nicht der Erste. Glaub mir, du wirst dich daran gewöhnen. In einhundert Jahren werden wir an diesen Tag denken und uns amüsieren.“

Bei der Erwähnung seiner Unsterblichkeit fühlte Sic sich unwohl. Er wollte sich nicht vorstellen, was es bedeutete, alle Zeit der Welt zu haben. Gerade im Moment wollte er überhaupt nicht nachdenken.

 

 

ALS SIE nur noch wenige Tagesritte vom Tal entfernt waren, schickte Canubis einen Boten, um die frohe Botschaft über ihren Neuzugang zu verkünden.

„Wir wollen, dass der letzte Emeris eine Unterkunft hat, die seinem Rang angemessen ist“, hatte er seinem Bruder mit einem breiten Lächeln erklärt. Renaldo hatte das Lächeln erwidert. Beide Götter waren außergewöhnlich guter Stimmung, da die Zeit des Wartens für sie endlich vorbei war.

Die Begrüßung im Tal war so überschwänglich, wie man es angesichts solch guter Neuigkeiten erwarten konnte. Cornelia und Bantu hatten ein herrliches Festmahl vorbereitet, in dessen Verlauf Sic offiziell als achter Emeris vorgestellt wurde. Ein Regen an Geschenken ergoss sich über ihn und seine spartanischen Gemächer im Haupthaus füllten sich schnell, eine Tatsache, die er hauptsächlich Aegid verdankte. Der einschüchternde Hüne hatte einen hervorragenden Geschmack und war begierig darauf, Sics neues Heim zu dekorieren.

Für Sic war die kleine Schmiede, die Renaldo an seine Gemächer anbauen ließ, wichtiger als die schöne Unterkunft. Durch eine neu geschaffene Tür konnte er seinen Arbeitsbereich zu jeder Zeit betreten. Da seine Räume nach Westen zeigten, weg von denen der anderen Emeris, würde er sie nicht stören, wenn er früh am Morgen zu arbeiten begann oder bis spät in die Nacht blieb. Sic war darüber so glücklich, dass er es täglich für ein paar Minuten schaffte, Noran zu vergessen.

Der Meisterschmied hielt sich von ihm fern. Selbst zufällige Treffen waren selten, obwohl Sic sich danach sehnte, das Gesicht seines Herrn zu sehen. Er hasste sich selbst dafür, dass er das Monster, das ihn so sehr verletzt hatte, immer noch liebte. Die widersprüchlichen Gefühle zerrissen ihn innerlich, nagten beständig an ihm, bewirkten, dass seine Gedanken sich beständig im Kreis drehten, ohne je zu einer Lösung zu kommen. Selbst der Frieden in seiner Schmiede wurde von diesem emotionalen Wirbelsturm gestört.

Nur während des Kampftrainings mit dem Todesengel wurde Noran für eine Weile vollkommen aus seinen Gedanken gelöscht. Der Gott forderte ihn so gnadenlos, dass er nach jeder Stunde Probleme hatte, auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Diese überwältigende Erschöpfung half ihm, sein sinnloses Nachdenken zu beenden, zumindest für eine Weile.

Ein weiterer Grund zur Sorge waren die Sklaven, die er während des Festmahls als Teil seines Willkommensgeschenkes erhalten hatte. Die beiden Männer und drei Frauen sahen in ihm immer noch den Verräter, der er bei seiner Abreise im Frühjahr gewesen war und so benahmen sie sich auch. Dass er nicht in der Lage war, sie zu bestrafen, half ihm überhaupt nicht. Er fragte sich immer noch, wie er dieses Problem lösen sollte, weil er lieber sterben würde, als einen seiner neuen Brüder um Hilfe zu bitten, als Casto die Sache in die Hand nahm. Wie sein Freund es herausgefunden hatte, wollte Sic nicht wissen, aber es erinnerte ihn daran, niemals zu vergessen, dass Casto mehr war, als es auf den ersten Blick erschien.

Eines Tages wartete sein kapriziöser Freund mit einer älteren Sklavin an seiner Seite vor Sics Tür.

„Sic, darf ich dir Gweris vorstellen? Sie arbeitet schon sehr lange für Renaldo und von jetzt an wird sie sich um dich kümmern. Du bist im Moment so beschäftigt, dass niemand von dir erwarten kann, auch deine Sklaven unter Kontrolle zu behalten. Gweris wird das für dich tun.“

Die Sklavin verneigte sich respektvoll vor ihm. Ihre Stimme war ein beruhigender, freundlicher Alt.

„Mein Lord Sic.“

„Gweris. Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen. Bitte, komm herein.“

Die Sklavin betrat die Gemächer. Ihre freundlichen, grünbraunen Augen verengten sich, sobald sie das Chaos dort erblickte. Ihre Stimme war streng, als sie mit ihrem neuen Besitzer sprach.

„Wo sind Eure Sklaven, Herr?“

Sic errötete. „Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht.“

Mit einem letzten, missbilligenden Blick schob Gweris die beiden jungen Männer aus dem Weg.

„Ich verstehe. Ich werde mich darum kümmern.“

Ihr Tonfall ließ vermuten, dass jene, die am empfangenden Ende ihrer Wut sein würden, ihr abscheuliches Verhalten aufs Äußerste bedauern würden. Als sie fort war, sanken Castos Schultern nach vorne.

„Ich gebe zu, sie ist ein wenig Angst einflößend, aber sie ist auch die Beste.“

„Angst einflößend? Du machst Witze, oder? Ich habe beinahe die Kontrolle über meine Blase verloren, so viel Angst hatte ich. Hast du ihre Augen gesehen? Sie ist beinahe so schlimm wie Cassia. Ich glaube, dass Gweris mich im Moment nur verschont hat, weil sie zu sehr damit beschäftigt ist, wütend auf meine Sklaven zu sein. Wie kann jemand eine Frau wie sie besitzen?“

Casto grinste.

„Weil sie ihren Herrn erwählt, was der Grund ist, warum ich sie zu dir gebracht habe. Selbst Renaldo ist bei ihr vorsichtig. Sie wird deine Diener zur Räson bringen.“

Beschämt schaute Sic zu Boden. „Woher hast du es gewusst?“

„Ich bin dein Freund, Sic. Und ein König, Herz eines Gottes und nicht dumm. Ich kann es spüren, wenn dich etwas aufregt. Das ist ein Problem, bei dem ich dir helfen kann, darum habe ich es getan.“

Die unterschwellige Botschaft in diesen Worten war klar. Der König wusste auch um Sics andere Probleme, auch wenn er nicht in der Lage war, einen Rat anzubieten. Seine Stimme war sehr sanft.

„Vielleicht solltest du mit jemandem sprechen, der versteht, was du durchgemacht hast. Sobald du denkst, dass du bereit bist, bin ich mir sicher, dass Cornelia dir gerne zuhören wird.“

Sprachlos umarmte Sic Casto. Er dankte den Müttern dafür, dass sie ihn mit einem solch wundervollen Freund gesegnet hatten. Es lag jetzt an ihm, zu beweisen, dass er einer solchen Gnade würdig war.